top of page

Wie unerwartete Konflikte entstehen

  • eberhardkuom
  • 4. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Führung im oberen Management gleicht bisweilen einer diskreten Choreografie: Jeder Schritt ist sichtbar, jede Nuance interpretierbar, und jede Pause wird zur Aussage. Selbst dann, wenn sie nicht als solche gemeint war. In dieser Verdichtung entsteht ein hochsensibles Kommunikationsökosystem, in dem Konflikte nicht nur auftreten, sondern nahezu systemisch erzeugt werden.



Die Ironie: Genau jene Führungskräfte, die strategisch denken, Klarheit suchen und Komplexität professionell beherrschen, geraten besonders häufig in jene Konflikte, die niemand kommen sah. Doch genauer betrachtet ist das weder überraschend noch vermeidbar – sondern die logische Konsequenz moderner Führungsrealität.

 

1. Die Illusion der Eindeutigkeit: Führung kommuniziert immer mehr als sie sagt

„Man kann nicht nicht kommunizieren – aber man kann permanent falsch verstanden werden.“


Je höher die Managementebene, desto stärker wird jede Äußerung mit Bedeutung überladen:

  • Eine kurze Bemerkung im Jour fixe wird zur strategischen Weichenstellung.

  • Ein zögerlicher Blick zur Projektleiterin wird als Misstrauen interpretiert.

  • Eine objektive Entscheidung erscheint subjektiv.

  • Und Schweigen – das strategische Instrument par excellence – ist für manche bereits eine verdeckte Drohung.


In dieser symbolisch aufgeladenen Welt entstehen Konflikte nicht durch Worte, sondern durch Deutungen. Oder exakter: durch Deutungen über Deutungen.


2. Paradoxe Dynamiken: Je stärker die Führung, desto fragiler das Gefüge

Professionelle Führung zielt auf Orientierung. Doch gerade Orientierung erzeugt paradoxerweise Widerstand: Je klarer die Richtung, desto deutlicher werden die individuellen Abweichungsbedürfnisse sichtbar.

Das ist kein persönliches Versagen – es ist Organisationspsychologie in Reinform: Systeme streben nicht nach Harmonie, sondern nach Gleichgewicht. Und Gleichgewicht entsteht oft erst nach der Irritation.

Führungskräfte sind dabei Projektionsflächen für unausgesprochene Bedürfnisse:

  • Sicherheit statt Ambiguität

  • Kontrolle statt Selbstverantwortung

  • Nähe statt Distanz


Wo Führung stärkt, verstärkt sie zugleich das, was ihr entgegensteht. Dies ist kein Widerspruch; es ist der paradox-logische Kern sozialer Systeme.


3. Konflikte als Spiegel: Nicht der Anlass, sondern die Logik dahinter ist entscheidend

Die meisten Managementkonflikte sind nicht Folge einer falschen Entscheidung, sondern einer psychologischen Verdichtung:

Nicht die Fakten führen in die Eskalation, sondern die interpretierte Bedeutung der Fakten.

Beispiele:

  • Eine Umstrukturierung wird nicht als Optimierung, sondern als Affront gelesen.

  • Eine neue Verantwortung wird nicht als Beförderung, sondern als Belastung verstanden.

  • Eine transparente Entscheidung wirkt nicht transparent genug, weil die emotionale Resonanz fehlt.


Der Konflikt entsteht nicht im Jetzt, sondern in der Vergangenheit der Beteiligten – in ihren Erwartungen, Mustern und bisherigen Erfahrungen mit Führung.


4. Die paradoxe Führungsintervention: Konflikte nicht entschärfen, sondern entlasten

Viele Führungskräfte reagieren reflexartig auf Konflikte: beruhigen, einhegen, moderieren. Doch aus psychologischer Perspektive führt dieser Ansatz oft in die Sackgasse des „lösungsorientierten Scheiterns“.

Denn manche Konflikte lösen sich nicht durch Abschwächung, sondern durch Entlastung:

  • Benennbarkeit statt Beschwichtigung

  • Kontextualisierung statt Kontrolle

  • Reflexion statt Reaktion


Das bedeutet nicht, Konflikte größer zu machen. Es bedeutet, sie klarer zu machen. Klärung ist nicht Eskalation – Klarheit ist Entgiftung.


5. Der produktive Wert des Irritierenden

Unerwartete Konflikte sind kein Störfaktor, sondern ein Indikator für Reifegrade: Organisationen ohne Konflikte sind entweder dysfunktional harmonisiert oder politisch erstarrt.

Konflikte zeigen:

  • wo Energie verdichtet ist,

  • wo Führung Wirkung entfaltet,

  • wo Veränderung Resonanz erzeugt,

  • und wo Menschen beginnen, Verantwortung zu übernehmen – auch für ihre Opposition.


Führung ist nicht das Vermeiden von Konflikten, sondern das gezielte Kultivieren produktiver Reibung. Oder anders gesagt: „Wer versucht, Konflikte zu verhindern, erzeugt sie am zuverlässigsten.“


Fazit: Konflikte sind die Grammatik moderner Führung

Je anspruchsvoller die Führungsaufgabe, desto unvermeidbarer die Konflikte. Nicht, weil Menschen schwierig wären, sondern weil Führung wirksam ist. Konflikte sind die Sprache, in der Organisationen rückmelden, dass etwas in Bewegung ist.


In diesem Sinne ist ein unerwarteter Konflikt kein Symptom des Scheiterns, sondern ein Hinweis darauf, dass Führung angekommen ist – und dass es Zeit ist, zuzuhören, statt nur zu moderieren.

 
 
 

Kommentare


bottom of page